Wenn Kanada gleich hinter Stuttgart liegen würde …

Unangenehmen Dingen im Leben begegne ich am liebsten möglichst selten bis gar nicht. Ist eine Begegnung unvermeidbar, haben sich zwei Varianten bewährt: detaillierte Situationsanalyse, um auf jede Entwicklung vorbereitet zu sein oder langfristige Ignoranz, bis ein Zusammenstoß unausweichlich ist. In meinem Alltag bedeutet dies, dass ich entweder alle noch so skurrilen Szenarien bis zur Erschöpfung durchspiele, Selbstgespräche unter der Dusche führe, um mich auf Diskussionen vorzubereiten, die ich nie haben werde oder kämpferische Monologe im Auto halte. Letzteres hat an so manch roter Ampel schon zu verschreckten Passanten und verzögerter Weiterfahrt des Autos neben mir geführt hat.

Die Dinge, die meine Schmerzgrenze jedoch deutlich überstrapazieren und Ähnlichkeit mit einem vereiterten Zahn haben, versuche ich so lange wie möglich zu ignorieren, um dann geradezu panisch von ihrem plötzlichen Auftauchen überrumpelt zu werden. Daran schließt sich fast nahtlos Variante 1 an, nur deutlich komprimierter – was zwar nervenschonender für mein persönliches Umfeld ist, für mich aber kaum einen Unterschied macht. Ich rege mich dann zwar nicht so lange auf, dafür aber umso intensiver.

Das Ereignis, auf das ich Ende dieser Woche zusteuere, habe ich aus reinem Selbstschutz lange ausgeblendet und milde weggelächelt, wenn ich versehentlich darüber gestolpert bin. Bis dann meine Schwiegermutter an Heiligabend mit einem langen Seufzer meine Hand tätschelte und sagte: „Jetzt sind es nur noch drei Wochen, dann ist das Kind weg.“ Die bis dahin perfekt gelebte Ignoranz verabschiedete sich fröhlich winkend in den wohlverdienten Weihnachtsurlaub und seitdem befinde ich mich im Panikmodus.

Das „Kind“ ist dann weg

„Das Kind“, von dem da die Rede war, ist meine 16-jährige Tochter, die Ende dieser Woche zu einem Schüleraustausch nach Kanada aufbricht. Das ist an und für sich nicht dramatisch, machen ja viele Jugendliche in diesem Alter und meines Wissens kommen die meisten glücklich und um eine Erfahrung reicher zurück. Bis auf einen kleinen Prozentsatz! Zu dem wir natürlich nicht gehören müssen! Auch wenn es dokumentierte Angriffe von Grizzlys und Pumas gibt, die sich in Großstädte verirren, meine Tochter mit einem ähnlich schlechten Orientierungssinn ausgestattet ist wie ich und ein halbes Jahr im Haus mit völlig fremden Leuten leben wird, von deren sympathischer Harmlosigkeit ich mich in lediglich einem Skype Call überzeugen konnte. Abgesehen davon, dass ich über Google das Grundstück und die Umgebung gescannt und die Namen der einzelnen Familienmitglieder in Verbindung mit den gängigsten Straftaten durchs Internet gejagt habe – auf deutsch, englisch und französisch! Alle Ergebnisse meiner Nachforschungen liegen im grünen Bereich und ich bin zumindest oberflächlich überzeugt, dass es bestimmt toll, grandios und einzigartig wird. Meinen Herzschmerz behalte ich für mich, bis sie im Flieger sitzt. Dann tyrannisiere ich damit die restliche Familie, die aktuell keine Möglichkeit hat, nach Übersee zu fliehen.

Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf und ich frage mich mit flauem Gefühl im Magen, ob sie mit 16 Jahren alles im Gepäck hat, was sie für dieses Abenteuer braucht – und damit meine ich nicht die Outdoor-Taschenlampe, den klappbaren Reiseschminkspiegel und die Polar-Winterstiefel mit zweifach isolierter Sohle gegen extreme Bodenkälte. Auch nicht das Familienfoto (damit sie nicht vergisst, wie wir aussehen), die Haarlocke des Hundes oder den alten, zerfledderten Stoffteddy, den wir ihr zur Geburt geschenkt haben.

Ganz objektiv betrachtet – kann man als Mutter ja bestens – sie ist selbstbewusst, aufgeschlossen, durchaus organisiert und abenteuerlustig. Sie kann ihr Gegenüber in schier endlosen Diskussionen wahnsinnig machen – unabhängig von der Sprache – und regt sich in den seltensten Fällen schon im Vorfeld über Dinge auf, von denen sie nicht sicher ist, ob sie überhaupt eintreten – ein mir völlig fremder Wesenszug. Sie ist ein echtes Sprachtalent und was mit Worten nicht verständlich zu machen ist, sagt sie mit einem wunderschönen Lächeln. Sie ist recht pflegeleicht, solange ihr Handy funktioniert, es WLAN, Eier und Nutella gibt und man alles, was sie vielleicht vergessen hat, in einem Einkaufszentrum in unmittelbarer Nähe kaufen kann. Sie ist eine echte Bereicherung für jede Familie, ganz sicher auch für das College, das sie besuchen wird und für jeden Kontinent, auf dem sie sich befindet – allerdings würde ich es begrüßen, wenn sich dieser in einer für mich erträglichen Distanz befinden würde. Stuttgart ist zwar kein anderer Kontinent, kann aber dank des Dialekts auch eine Art Auslandserfahrung sein, oder?

Der Countdown läuft

Der Countdown läuft nun also und Ende nächster Woche startet das große Abenteuer. Das große Kind bekommt im wahrsten Sinne des Wortes Flügel und ich graue Haare. Die „Was-ist-wenn“-Szenarien schubsen sich in meinem Kopf gegenseitig aus der ersten Reihe und laufen in Endlosschleife. Sie verlieren ein bisschen an Geschwindigkeit, als ein Freund zu mir sagt: „Und was ist, wenn sie einfach nur eine tolle Zeit hat?“

Zugegeben, meine Familie zieht oft Dinge an, von denen man glaubt, sie würden immer nur anderen passieren, aber zumindest könnte ich diese Vorstellung ja mal mit mir unter der Dusche besprechen und schauen, wie sich das anfühlt: sie kommt in eine tolle Familie, hat Spaß, viele wunderbare Erlebnisse und kehrt bepackt mit Erinnerungen zurück, die sie ihr ganzes Leben begleiten werden … All das wünsche ich ihr von ganzem Herzen – was aber nichts an der Tatsache ändert, dass ich sie unglaublich vermissen werde!

2 Replies to “Wenn Kanada gleich hinter Stuttgart liegen würde …”

  1. Ach, Susanne 😉
    Sandra ist seinerzeit nur nach Frankreich in den Schüleraustausch gefahren – und da hat sich
    bei uns schon alles so abgespielt, wie Du es oben beschreibst. Auch wenn Du es nicht für möglich hälst, die Zeit vergeht schneller als gedacht.
    Übrigens, wenn es eine Susanne-Reichert-geschriebenes-Sucht gibt: ich habe sie auf jeden Fall und kann sie nur mit „Nachschub“ bewältigen.

    Liebe Grüße
    Leni

    • Liebe Leni, fühle mich gerade umarmt und verstanden 🙂 Und für Nachschub sorge ich ja regelmäßig – und in Buchform im September, wenn alles nach Plan läuft.

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