Ballgefühl

Man sagt uns Frauen ja häufig erstaunlich wenig Ballgefühl nach und trotzdem sind wir wahre Meister darin, mit mehreren Bällen gleichzeitig zu jonglieren. Gerade letzteres wurde uns von klein auf als unumstößliche Tatsache verkauft, sodass wir nie auf die Idee gekommen sind, diese infrage zu stellen… fast ununterbrochen jonglieren wir mit leicht gequältem Lächeln vor uns hin. Ohne Frage ist dieses gottgegebene Talent natürlich noch ausbaufähig und so fangen wir ohne mit der Wimper zu zucken auch gerne Bälle von anderen Menschen auf, die

a) im Jonglieren deutlich weniger begabt sind als wir

b) mit Bällen nichts anfangen können

oder

c) die einfach keinen Sinn darin sehen, stupide Bälle in die Luft zu werfen.

Es versteht sich von selbst, dass wir – unabhängig von der Größe oder Anzahl der Bälle – stets den Eindruck erwecken, dass uns das Jonglieren mühelos gelingt und viel Freude bereitet. Wieso auch nicht, schließlich wurde es uns in die Wiege gelegt. Wäre Eva lange genug im Paradies gewesen, hätte sie dort schon eine Kostprobe geben können. Vielleicht hätte das auch die höheren Mächte milde gestimmt, wenn sie – statt die Äpfel anzuknabbern – etwas Sinnvolleres damit angefangen hätte.

Um konkurrenzfähig zu bleiben ist es unerlässlich, unsere Mitstreiterinnen im Auge zu behalten. Man muss ja sichergehen, dass diese nicht mehr Bälle in die Luft werfen als wir – Frau hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren. Um sich im engagierten Feld der Top-Jongleusen behaupten zu können, schnappt man nach jedem Ball, der einem zugeworfen wird und schaut ihn sich meistens auch gar nicht so genau an. Wir greifen automatisch zu und versuchen, ihn im Schweiße unseres Angesichts in den rhythmischen Kreislauf zu integrieren. Dieses Muster zu hinterfragen – dazu bleibt kaum Zeit, denn wir haben ja alle Hände voll zu tun.

Als Mutter in der Familie ist man meistens die Einzige, die jongliert und es wird akribisch darauf geachtet, dass einem die Bälle nicht ausgehen. Kommt Ihnen das bekannt vor? Kaum liegt irgendwo so ein verdammter Ball rum, wird er, ohne groß darüber nachzudenken, in meine Richtung geworfen. Und ich?? Ich fange. Genervt, zähneknirschend, innerlich den Ball mit einer Axt zerhackend oder ihn mit Karacho auf den Mond schießend, aber ich fange… meistens jedenfalls. Manchmal allerdings siegt die Rebellin oder vielleicht auch das Kind in mir, das fragt, warum zum Geier ich mit Bällen spiele, wenn ich eigentlich gar keine Lust darauf habe. Dann halte ich ganz bewusst die Hände still, die ganze Ball-Armada donnert auf den Boden, hüpft und kullert in alle Richtungen davon und es passiert… NICHTS! Weder geht die Welt unter, noch fällt mir der Himmel auf den Kopf. Da stehe ich also mit verschränkten Armen da, wippe mit dem Fuß, sehe einen Ball auf mich zufliegen – und gehe einfach einen Schritt zur Seite. Wums!

Ich merke, wie schön es ist, einfach mal die Hände stillzuhalten und meiner chronischen Unlust im Hinblick auf Bälle und das Jonglieren nachzugeben. Natürlich sorgt das in meinem Umfeld für Irritation und Ratlosigkeit. Was macht sie denn da? Sie hat doch sonst jeden Ball gefangen… Am Ende hebt sie ihn noch auf und wirft ihn zurück. Was soll denn jetzt mit den ganzen Bällen passieren? Wer räumt die weg? Oder jongliert jetzt ein anderer? Fragen über Fragen, die nun im Raum stehen und auf die es ad hoc keine Antworten gibt. Aber wissen Sie was? Das ist aushaltbar, genau wie die Schockstarre, die bei der nächsten Generation häufig bei abrupt eintretenden Veränderungen einsetzt. Der Mensch wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben und ich bin zuversichtlich, dass sich irgendjemand der Bälle annehmen wird. Bei mir ist auf jeden Fall die Luft raus. 😊

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