Liebes Tagebuch – oder: Das fremde Kind in mir…

Zweimal im Jahr erliege ich dem unwiderstehlichen Drang, in unserem Haus auszumisten und aufzuräumen – also über das normale Maß hinaus. Ich räume ansonsten natürlich täglich auf, sogar mehrmals. Allerdings fällt das kaum auf, denn drei Kinder und ein Hund geben sich alle Mühe, die Spuren meines Engagements unmittelbar danach wieder restlos zu beseitigen. Mein Mann streicht mir mittlerweile nur noch wortlos tröstend über den Kopf, wenn ich morgens mit leerem Blick das Erdgeschoss betrachte, das ich abends vor dem Schlafengehen noch schön ordentlich aufgeräumt hatte. Nachdem das chaotische Dreigestirn auf dem Weg zur Schule ist und der Hund im Idealfall noch das Futter vom Vorabend erbrochen hat, könnte man rein optisch vermuten, es wäre eingebrochen worden. Aber das ist ein anderes Thema…

Bei den großflächigen Aufräumaktionen, die ich meistens vor Weihnachten und im Frühling starte, tauchen mitunter ungeahnte Schätze auf, deren Existenz ich längst vergessen habe. Letzte Woche bin ich auf einen solchen Schatz in dem Regal hinter meinem Bett gestoßen, der mich den Putzlappen augenblicklich in die Ecke werfen ließ: meine alten Tagebücher!

Wer war ich und warum so viele? 

Hier war der ultimative Beweis dafür, dass ich nicht als nörgelnde und manisch ordentliche Mittvierzigerin auf die Welt gekommen bin, sondern ebenfalls mal ein chaotischer und mit mir überforderter Teenager gewesen war – auch wenn das von meinen Kindern häufig angezweifelt wird. Dabei hat mich das Leben schon früh sehr viel mehr gefordert, als es meine eigenen Kinder je erleben werden! Ich hatte schließlich keine Geschwister, die irgendwelche Nischen besetzt haben, sondern musste den ganzen Mist alleine bauen!

Ganz klassisch hatte ich jeden Eintrag mit „Liebes Tagebuch“ angefangen, mich aber schon nach wenigen Wochen gefragt, welchen Sinn es haben sollte, an ein Buch zu schreiben, das ohnehin niemals antworten würde. Hätte ich zum damaligen Zeitpunkt schon „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ gelesen, hätte ich gewusst, dass sich hinter Tagebüchern, die antworten, nie etwas Gutes verbirgt! So aber habe ich das Schweigen meines ersten Tagebuches ausführlich und über mehrere Seiten beklagt und bin später an einigen Stellen sogar zu üblen Beschimpfungen übergegangen. Wenn ich das heute lese, dann betrachte ich das Kind in mir mit ähnlicher Ratlosigkeit wie meinen eigenen Nachwuchs. Da tun sich ja Abgründe auf…

Der erste Eintrag handelt davon, dass ich ausziehen wollte – natürlich nicht grundlos! Da wünscht man sich den Camper für Barbie und ihren Freund Ken zu Weihnachten und bekommt das Fahrrad mit Anhänger?! Während also die Barbies meiner besten Freundinnen mit dem schicken Camper ins Wochenende fuhren, radelte meine mit hochrotem Kopf hinterher, um dann völlig erschöpft im Freien zu übernachten? Meine Mutter erklärte ungerührt, wir müssten ja nicht immer alle das Gleiche haben und mein Vater versuchte mich damit zu beruhigen, dass meine Barbie bei schlechtem Wetter bestimmt in Elkes* Camper übernachten durfte. Ich war fassungslos! Natürlich mussten wir ALLE den Camper haben, das gemeinsame Spiel war doch sonst völlig sinnlos – außerdem war in Elkes* Camper doch gar kein Platz, weil da noch Skipper schlief. Bei so viel elterlichem Unverständnis für diesen Sachverhalt wollte ich ein neues Zuhause!! Na, fröhliche Weihnachten!

Erschüttert nehme ich zur Kenntnis, dass ich mit neun Jahren völlig verknallt in Howard Carpendale gewesen war, dicht gefolgt von Roland Kaiser und Shakin’ Stevens (kennt den überhaupt noch jemand?). Als ich das beim Abendessen meinen Kindern erzählt habe, konnten die vor lauter lachen kaum noch schlucken. Mein Sohn googelte sofort nach „Shaky“ und stammelte fassungslos: „Mama, der ist siebzig!“ Ja! Und? Aber das war er ja auch nicht immer! Ich bin schließlich auch nicht mit siebenundvierzig auf die Welt gekommen! Wie der immer so locker die Hüften kreisen ließ – also früher! Da würden Shawn Mendes und Justin Bieber vor Neid erblassen.

Staatsfeindin Nr. 1: Sybille… Wer war das doch gleich?

Ich habe mich nie für einen eifersüchtigen Menschen gehalten, zumindest nicht über das normale Maß hinausgehend, aber im zarten Alter von fünfzehn Jahren sah das offensichtlich anders aus. Was ich der armen Sybille*, der Ex-Freundin meines ersten Freundes an den Hals gewünscht habe, weil ich die beiden sozusagen in flagranti beim Eis essen erwischt hatte, würde genug Stoff für einen Psychothriller liefern. Ich muss ehrlich gestehen, ich habe noch nicht mal mehr eine Ahnung, wer Sybille* eigentlich war – unfassbar, wo sie mich doch über achtzehn Seiten völlig in Rage versetzt hatte!

Während meine große Tochter sehr abenteuerlustig ist und diesbezüglich mehr nach ihrem Vater kommt, kam für mich so etwas wie ein Auslandsaufenthalt nie in Frage. Ich hatte schon Heimweh, wenn ich eine Straße weiter bei meiner Freundin übernachtete. Als sich in meinem ersten Ausbildungsjahr die Chance bot, drei Monate in der Niederlassung meiner Ausbildungsfirma in Frankreich eingesetzt zu werden, wollte mich mein Vater mit einem Anflug von Verzweiflung zu meinem Glück zwingen. Der Erfolg war mäßig: ich saß schluchzend neben meiner Mutter in der Küche und war überzeugt, mein Vater wolle mich aussetzen. Seufzend stornierte er den Flug und sprach drei Tage nicht mit mir. Dieses Erlebnis hat mich geprägt; ich fahre selbst heute nur ungern für länger als zwei Wochen in Urlaub und sitze bei der Abfahrt immer als Erste im Auto – man kann ja nie wissen!

Tja, aber irgendwo finde ich mich schon wieder in diesen vielen Büchern und sie lesen sich in der Tat sehr unterhaltsam. Dass die Weichen in Sachen Schreiben schon früh gestellt wurden, zeigt dieser eindrucksvolle Vers für meine Mutter, den ich zum Muttertag verfasst habe:

Du bist eine tolle Mutter,

bei uns ist alles in Butter.

Ich mag dein Essen und hab dich lieb,

alles Gute zum Muttertag – piep piep piep.

Na bitte! Es war mir schon in frühester Jugend gegeben, Gefühle in Worte zu fassen und meiner Mutter standen angesichts dieser Liebeserklärung die Tränen in den Augen…  🙂

 

 

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