Glückskäfer, Feuerkäfer und gute Vorsätze… Cheers!

Zum Jahreswechsel kreist man ja gedanklichdarum, mit welchen guten Vorsätzen man ins neue Jahr starten könnte. Idealerweise habe ich festgestellt, dass meine guten Vorsätze vom letzten Jahr quasi unangetastet sind und ich meine Liste nur geringfügig modifizieren muss.

Da mich mein vierbeiniger Personal Trainer zwar ganz schön auf Trab hält, man aber mit zunehmendem Alter schon etwas mehr als eine Hunderunde am Tag braucht, um fit zu bleiben, habe ich mir vorgenommen mehr Sport zu machen. Also in Maßen! Gerade so, dass das Schließen meines königlichen Dirndls nicht automatisch zum Atemstillstand führt und nach einer Stunde Body Pump so viele Endorphine ausgeschüttet werden, dass mir die Lust auf Schokolade vergeht.

Aufgrund einer ausgebufften Mitleidsmasche meines Sohnes wurde ich jedoch sogar noch VOR Beginn des neuen Jahres plötzlich und unerwartet zu körperlicher Ertüchtigung genötigt! Auch wenn der Nachwuchs altersmäßig und optisch schon längst nicht mehr dem „Kindchen-Schema“ entspricht, tappt man als Mutter doch noch regelmäßig in diese emotionalen Hinterhalte.

Seit einigen Monaten trägt mein Sohn Zeitungen aus und es kommt vor, dass sich die Austräger urlaubsbedingt vertreten müssen. Das bedeutet zwar mehr Geld, aber auch doppelte Arbeit – unabhängig von Anfällen chronischer Unlust, pubertätsbedingt kritischen Gemütslagen oder ungünstiger Wetterlage. Letzte Woche war es zwar nicht wirklich kalt, aber ungemütlich. Es nieselte. Es war windig. Die Ferien hatten gerade begonnen. Der Nachwuchs war von den letzten Schulwochen erschöpft, müde und überzeugt, dass sich mit dem leicht kratzenden Gefühl im Hals eine heftige Erkältung ankündigte. Das Gebiet des „Kollegen“ umfasst fünf zusätzliche Straßenzüge. Ein abgekämpftes Häufchen Elend saß vor mir und ganz plötzlich hörte ich mich sagen: „Dann machen wir das zusammen, ich helfe dir.“

Unfreiwillig sportlich unterwegs im Alltag

Bis man zum ersten Mal Zeitungen austrägt, macht man sich gar keine Gedanken darüber, wie anstrengend so ein Job ist. Außerdem ist es notwendig, dass man mit einem gewissen System vorgeht, denn sonst läuft man doppelte Wege oder verliert den Überblick, welche Häuser man schon abgearbeitet hat. Ungeachtet dessen habe ich mir den Fahrradanhänger mit zehn Zeitungspaketen vollgeladen und bin losgezogen. Ich hatte keine Ahnung, wie schwer zehn Pakete Zeitungen mit jahreszeitlich bedingten Sonderbeilagen sein können, aber bereits am Ende unserer Straße war ich schweißgebadet, noch bevor die erste Zeitung im Briefkasten war.

Bergauf konnte ich mit dem Wagen im Schlepptau keinesfalls gehen, dazu war er zu schwer, irgendwo ablegen konnte ich einen Teil der Zeitungen aber auch nicht, da es nieselte. Also beschloss ich, zuerst die unteren Straßen „meines“ Gebiets zu versorgen. Der vollbeladene Wagen nahm bergab ordentlich Fahrt auf. Loslassen kam natürlich nicht in Frage und so joggte ich notgedrungen hinterher. Den ersten anerkennenden Blicken nach zu urteilen, hielt man mich für hochmotiviert. Mein Bremsweg war entsprechend lang, aber letztlich kam ich mit einer eleganten Rechtskurve in der Zielstraße an. Ich schnappte mir einen Stapel Zeitungen und lief im Zickzack die Häuser ab. Nicht sehr effektiv, aber immerhin erwachte der Schrittzähler in meinem Smartphone aus seinem Dornröschenschlaf und schickte mir aufmunternde Nachrichten.

Nun gibt es Menschen, die haben an Werbung und kostenlosen Zeitungen kein Interesse; das ist ja auch legitim. An den Briefkästen findet man dann meistens entsprechende Aufkleber, die darauf hinweisen. So weit, so gut. Das Problem ist nur, dass diese Aufkleber relativ klein und für Menschen mit einer leichten, kaum erwähnenswerten Kurzsichtigkeit erst dann erkennbar sind, wenn man unmittelbar vor besagtem Briefkasten steht. Die Briefkästen sind in der Regel neben der Haustür und den Weg dorthin haben viele Hausbesitzer hübsch gestaltet – mal mit ein paar Stufen aus Naturstein, mal mit einer Vortreppe mit sechs (!) oder mehr Stufen. Das sieht hübsch aus und verleiht jedem Vorgarten etwas individuelles, aber in der Summe sind es sehr viele Stufen in einer Straße – und etliche läuft man umsonst!

Nach zwei Straßenzügen mochte ich keine Stufen mehr, nach dreien wurde mein Tempo deutlich langsamer, in der vierten Straße schlurfte ich die Stufen hoch und runter und starrte jeden Briefkasten feindselig an, auf dem besagter Aufkleber zu finden war. Einzig der Schrittzähler freute sich, dass ich nicht nur mein Tagesziel längst überschritten hatte, sondern auch schon mehr als fünf (!) Stockwerke gelaufen war.

In der fünften Straße war ich gerade dabei, eine Zeitung in einen völlig überfüllten Briefkasten OHNE Aufkleber zu stopfen, da ging die Haustür auf und eine Frau, die mich offensichtlich von irgendwoher kannte, fragte erstaunt, warum ich denn Zeitungen austragen würde. Wo denn der süße Hund wäre? Ob ich die Haushaltskasse aufbessern müsste? Naja, bei Familien mit vielen Kindern kann es finanziell um Weihnachten herum ganz schön eng werden, fügte sie mit pseudo-verständnisvollem Lächeln hinzu. Aber wenigstens wäre man bei dem Job an der frischen Luft und außerdem bräuchte man als Frau ja auch was Eigenes. Ihre Stimme wurde leiser, als sie mit verschwörerischem Blinzeln sagte, ich könne mich darauf verlassen, dass sie es auch für sich behalten würde.

Wenn man auf Sarkasmus steht.. einfach mal einen Schritt zur Seite gehen

Es gibt Menschen, die würden einen gewissen Sarkasmus erkennen, wenn die Antwort lautet: „Nein, die Haushaltskasse ist in Ordnung, aber ich habe über Weihnachten einfach zu viel gegessen und trainiere so den Weihnachtsspeck ab.“ Und dann gibt es Menschen, für die ist Sarkasmus ein Verwandter des ägyptischen Glückskäfers. Die sind dann Feuer und Flamme und freuen sich: „Das ist ja super. Wissen Sie, wenn Sie das Training noch intensivieren wollen, dann können Sie vor jeder Haustür noch ein paar Kniebeugen machen und am Ende jeder Treppe einen Strecksprung. Als ich früher mit Darius-Marcel im Kinderwagen unterwegs war, habe ich das an jeder Ampel gemacht – sehr effektiv.“

Ich habe sie stumm angeschaut und ihr wortlos die Zeitung in die Hand gedrückt, da ich gegen den überfüllten Briefkasten keine Chance hatte. Im Weggehen entdeckte ich jedoch innen in dem Zeitungsrohr in mikroskopisch kleiner Größe den mir mittlerweile vertrauten Aufkleber. Ich bin umgedreht und wollte ihr die Zeitung wieder aus der Hand nehmen, die sie jedoch hinter ihren Rücken verbarg. „Sie wollen keine kostenlosen Zeitungen. Tut mir leid, ich habe den Aufkleber zu spät gesehen.“

„Jetzt habe ich sie aber“, erwiderte sie störrisch und schlug zu meinem Schreck damit auf einen halb erfrorenen Feuerkäfer ein, der sich entkräftet über die Schwelle des Hauseingangs schob.

Ich holte tief Luft und wollte gerade antworten, da sah ich meinen Sohn in die Straße einbiegen. Er war mit seiner Runde fertig, winkte mir fröhlich zu und rief, wie weit ich denn wäre und ob ich klar käme. Nichts ist für Teenager schlimmer als peinliche Eltern und gerade in dieser Phase ist es von enormer Bedeutung, glaubhaft vermitteln zu können, jederzeit Herrin der Lage zu sein.

Also lächelte ich mit zusammengebissenen Zähnen und sagte: „Gute Idee, das mit den Kniebeugen. Und Strecksprünge, wirklich klasse. Immer abwechselnd sagen Sie?“ Sie nickte, strahlte, zeigte mit dem Daumen nach oben und schüttelte die Reste des Feuerkäfers von der Zeitung, während ich mich bemühte, mit möglichst federndem Gang die Treppenstufen hinunterzugehen. Im Geiste habe ich die Liste meiner guten Vorsätze um einen Punkt erweitert: Hohlköpfen direkt und unverblümt sagen, dass sie Hohlköpfe sind! Die Konsequenzen, die das für meinen Nachwuchs haben mag, nehme ich gerne in Kauf!  😉

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