Die Würde des Menschen ist unantastbar

Eigentlich hatte ich einen ganz anderen Blog-Beitrag geschrieben und der lag auch schon fix und fertig auf meinem Schreibtisch. Aber in der derzeitigen Situation, besonders nach dem tragischen Gewaltverbrechen in Hanau, kam es mir banal und geschmacklos vor, einen humorvollen Text zu schreiben, während mir so viele andere Gedanken durch den Kopf gingen, die ich nun in Worte zu fassen versuche.

Der schreckliche Angriff, der letzten Mittwoch in zwei Shisha-Bars in Hanau stattgefunden hat, ist gerade mal eine Woche her. Die Familien der Opfer können noch immer kaum begreifen, was passiert ist – und werden das vermutlich auch niemals können. Auch ich ringe mit Worten, wenn ich mit meiner Familie darüber spreche und meine 12-jährige Tochter fragt, warum denn jemand so etwas tut? Wie soll man erklären, welch verzerrte Bilder in den Köpfen mancher Menschen vorhanden sind und wieso sich diese berufen fühlen, über andere zu richten – über Leben und Tod? Wie soll man seine Kinder mutig genug machen, einer solchen Gesinnung entgegen zu treten und ihr – so unbedeutend das jedem Einzelnen auch vorkommen mag – im eigenen Umfeld keinen Raum zu bieten?

Haben wir in Deutschland ein Problem mit Rechtsextremismus? Ja, das haben wir und wer das noch immer bagatellisiert oder sich scheut, das Kind beim Namen zu nennen, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen. Diese Entwicklung kam nicht plötzlich über Nacht, sie hat schleichend Einzug gehalten in unseren gesellschaftlichen Alltag – obwohl die Mehrheit von uns ganz sicher weder rechtsextrem noch rassistisch ist. „Nie wieder“ – das würden vermutlich die meisten Menschen sofort unterschreiben, wenn sie an das Grauen und den Schrecken des Nazi-Regimes und den Holocaust denken. Und trotzdem hat sich eine stille Duldung entwickelt, die den Nährboden für ein sich stetig ausbreitendes, fremdenfeindliches Gedankengut bietet.

Trauer macht keine Unterscheide zwischen Nationalität, Herkunft oder Religion

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ heißt es in unserem Grundgesetz und dieser Grundsatz wird nicht eingeschränkt durch die Festlegung einer bestimmten Hautfarbe, Religionszugehörigkeit oder Nationalität. Dieser Grundsatz ist jedoch eindeutig dann bedroht, wenn Menschen aus genau diesen Gründen diskriminiert und ausgegrenzt werden; wenn man es zulässt, dass sich die Gesellschaft in „Wir“ und „Die“ aufspaltet und sich Parallelgesellschaften entwickeln. In Hanau trauern Eltern um ihre Kinder, Freundinnen und Freunde um einen geliebten Menschen und versuchen, nach diesem brutalen Verlust Schritt für Schritt weiter zu machen in ihrem Leben. Trauer macht keine Unterschiede zwischen Nationalität, Herkunft oder Religion, genauso wenig wie sich die Würde eines Menschen durch diese oder andere Faktoren unterschiedlich definiert.

Integration bedeutet gelebte Vielfalt, eine stabile Basis für ein gesellschaftliches und soziales Miteinander und es bedeutet vor allem, sich mit Toleranz, Menschlichkeit und Respekt zu begegnen – in jede Richtung, denn das ist beileibe keine Einbahnstraße. Worten müssen Taten folgen und die Aufgaben, die vor uns liegen, scheinen immens zu sein; teilweise bedürfen sie einer Vorgabe oder der Unterstützung von politischen Gremien oder staatlichen Organen, aber mindestens genauso wichtig ist es, dass jeder Einzelne von uns in seinem eigenen Umfeld wirkt. Das eigene Tun muss Kreise ziehen.

Wie heißt es so schön in dem Lied des Komponisten  Kurt Frederic Kaiser:

„Ins  Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich still und leise,

und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.“

 Lassen Sie uns Kreise ziehen!

Wir müssen tagtäglich Verantwortung übernehmen

Diese grausame Tat in Hanau, bei der 11 Menschen getötet wurden, hat eine Welle von Betroffenheit und Mitgefühl in unserer Gesellschaft ausgelöst. Viele sind auf die Straßen gegangen, haben an Mahnwachen oder Protestmärschen teilgenommen oder mit deutlichen Worten in den sozialen Netzwerken Stellung bezogen – und das ist gut so! Noch besser wäre es gewesen, es hätte diese und andere schreckliche Taten gar nicht erst gegeben. Umso wichtiger ist es, dass wir uns unserer Verantwortung im täglichen Miteinander bewusst werden.

Wir müssen aufwachen und die Trägheit abschütteln, mit der wir manchen Situationen in unserem Alltag begegnen. Dem Kumpel in der Kneipe, der gerade einen Judenwitz zum Besten gibt und denen gegenüber, die darüber lachen. Den sprachlichen Verallgemeinerungen gegenüber Menschen mit anderen Hautfarben oder dem leisen Spott, der manchmal in Zusammenhang mit anderen Kulturen oder Glaubensrichtungen an den Tag gelegt wird. Wenn sich im Bus jemand nicht neben eine Frau mit Kopftuch setzen möchte, weil die doch „bestimmt eine von denen (Islamisten)“ ist. Oder gerade dann, wenn einem nach der abstrusen Aussage eines Frankfurter Stadtverordneten, der dieser unsäglichen, blau-roten Partei angehört („Shisha-Bars sind Orte, die vielen missfallen, mir übrigens auch. Wenn jemand permanent von so einer Einrichtung gestört wird, könnte das irgendwie auch zu einer solchen Tat beitragen.“), irgendwo ein verständnisvolles Nicken begegnet.

Wir können so viel mehr tun, als nur die Augen verdrehen und es als dummes Gerede eines Einzelnen abtun – es nämlich als das sehen, was es ist: Der Nährboden, auf dem rassistisches und fremdenfeindliches Gedankengut lange Zeit unbemerkt Früchte trägt und wir erst viel später mit einer Ernte konfrontiert werden, die die Mehrheit von uns gar nicht haben will und die uns schwer im Magen liegt.

Wir sind mehr – aber oftmals immer noch zu leise

Unser gesellschaftliches Zusammenleben ergibt heute ein ähnlich buntes Bild wie die Buchrücken in einem Bücherregal. Wir können uns neuen Büchern von unbekannten Autoren gegenüber verschließen und nur das lesen, was wir schon immer gelesen haben. Oder wir können neugierig mal ein anderes Buch aufschlagen und uns auf unbekannte Geschichten einlassen. Mit ein bisschen Mut schreiben wir vielleicht auch das ein oder andere Kapitel selbst.

Apropos Mut: Wie oft haben wir unseren Großeltern die Frage gestellt: Wie konnte sich das Nazi-Regime damals überhaupt so entwickeln und warum habt ihr nichts dagegen unternommen? Und wie oft bekamen wir die Antwort: Wir haben das zu Beginn nicht mitbekommen und das Ausmaß nicht erkannt – bis es zu spät war.

Aber wir – gerade unsere Generation – können uns hinter dieser Aussage nicht mehr verstecken und sollten diesen Strömungen entschieden entgegentreten, damit wir von unseren Kindern und Enkeln in einigen Jahren nicht die gleiche Frage gestellt bekommen.

Ich bin davon überzeugt, wir sind definitiv mehr – aber wir sind oftmals immer noch zu leise!

2 Replies to “Die Würde des Menschen ist unantastbar”

  1. Ausgezeichneter Beitrag. Sehr gut geschrieben und die Zeilen enthalten nur wahre Worte. Danke Susanne! Ich hoffe dass deine Worte dazu beitragen, dass wir alle wesentlich „lauter“ werden!

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