Homeoffice – mittendrin statt nur dabei!

Ein kleines, unsichtbares Dingens mit dem klangvollen Namen SARS-CoV-2, umgangssprachlich Corona-Virus genannt, hat auch unser Leben in den letzten Monaten in vielerlei Hinsicht auf den Kopf gestellt – uns gleichzeitig aber so viel Zeit mit der Familie geschenkt wie niemals zuvor. Fast zwei Monate hatten die Schulen geschlossen und tasten sich nun seit dem 18. Mai vorsichtig an einen halbwegs normalen Betrieb heran. Mein Mann ist seit zwölf Wochen im Homeoffice und ich bin da sowieso, denn ich arbeite immer in meinem Büro zu Hause. Der Freund unserer großen Tochter wohnt praktisch bei uns, sodass sich sechs Personen und ein Hund seit drei Monaten räumlich sehr nahe sind. Das läuft erstaunlich gut und der erwartete Lagerkoller hält sich in Grenzen. Tatsächlich genießen wir diese Zeit größtenteils sehr, wenn da nicht die kleine, unbedeutende Tatsache wäre, dass mein Mann und ich im Arbeitszimmer genau das machen müssen, was der Name unser unterirdischen Zuflucht schon andeutet: Arbeiten!

Grundsätzlich haben das alle verstanden und Lennox ist wirklich unkompliziert. Nach der morgendlichen Gassirunde plumpst er neben meinen Schreibtisch und verschläft den größten Teil des Vormittags. Letzteres tut der Nachwuchs grundsätzlich auch, ist aber unmittelbar nach dem Aufwachen auf Nahrungssuche. Jetzt sollte man meinen, in unserem allzeit vollen Kühlschrank würden sich ausreichend Lebensmittel für drei hungrige Teenager und einen Mittzwanziger finden, aber es liegt in dem Gesetz der Sache, dass sich lautstark um die letzte Scheibe Toastbrot, den Bodensatz im Nutella-Glas oder das letzte Stück kalte Pizza vom Vorabend gestritten werden muss. Das Gebrüll im Erdgeschoss ist so laut, dass der Hund erschrocken aus dem Tiefschlaf auffährt und meine Kundin am Telefon fragt, ob ich an einer Demo teilnehme. Gefühlt ist das so, denn Kind Nummer 3 sieht seine Menschenrechte akut gefährdet, weil es sich als Nesthäkchen „immer mit den Resten“ zufrieden geben muss.

Während mein Mann versucht, sich in dieser emotional aufgeladenen Atmosphäre auf eine Telefonkonferenz zu konzentrieren, verbanne ich die Streithähne samt Unmengen an Nahrungsmitteln in den 1. Stock. Das hätte die Lösung des Problems sein können, gäbe es nicht den beliebten Familien-Chat. Schnell nacheinander eingehende Sprachnachrichten sorgen für ein leicht überhitztes Smartphone und ich bräuchte einen Notizblock, um dem Unmut des echauffierten Nachwuchses Herr zu werden.

Irritation macht sich bei dem Gesprächspartner meines Mannes breit und ich höre, wie mit Verwunderung gefragt wird, was das für Stimmen im Hintergrund seien. Der Gatte murmelt peinlich berührt etwas von den „Nachbarskindern“, „dem offenen Fenster“ und wirft mir einen strafenden Blick zu. Die Aufarbeitung des geschwisterlichen Zerwürfnisses muss warten, ich schalte das Smartphone stumm und versuche, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren.

Dank der Erfindung der AirPods kann der Nachwuchs akustische Signale nach Belieben ausblenden und überhört geflissentlich die Türklingel, meine Bitte, die Spülmaschine auszuräumen und die Aufforderung, den Glasmüll zum Container zu bringen. Ich wünschte, ich könnte das Getrampel auf der Treppe, die knallenden Türen und die nächste Auseinandersetzung über die zeitliche Nutzung des Badezimmers genauso ignorieren. Während des Schreibens dieser Kolumne recherchiere ich zeitgleich über das Brutverhalten des Grünfinks (für Kind Nummer 3), überfliege eine Email an den zukünftigen Arbeitgeber von Kind Nummer 1 und antworte mit „Pizza“ auf die Frage von Kind Nummer 2, was es denn zum Abendessen gebe.

Nachdem besagte Pizza geliefert und verzehrt wurde, kehrt in unserem Reihenhäuschen langsam Ruhe ein. Mein Mann kommt mit zwei Gläsern Rotwein ins Arbeitszimmer, der Hund zerlegt zufrieden ein Lammohr und im Fernsehen laufen leise die Tagesthemen. Durch das offene Fenster hört man den Brunnen im Garten plätschern und der Krisenmodus ist offline.

Das Leben ist schön und es gibt Tage, da bin ich mir den Vorteilen des Homeoffice durchaus bewusst. Der nette Kollege in meinem Büro holt mir nicht nur jeden Morgen einen Kaffee, sondern abends auch noch Rotwein, ich weiß jetzt, dass meine Nachbarin ihren Mann „Honigschwänzchen“ nennt (und denke besser nicht weiter darüber nach) und nach Feierabend bin ich sofort zu Hause… Es ist wie immer nur eine Frage der Perspektive! 🙂

 

 

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