Die Leichtigkeit des Seins – ein eher unerträglicher Mythos

 

glass-ball-1598323Sie haben bestimmt auch so einen Menschen im Freundes- oder Bekanntenkreis, den man gut und gerne als multifunktionale Allzweckwaffe bezeichnen könnte. Jemand, der für jedes Problem ein offenes Ohr hat, tröstet, motiviert, mitfühlt, spontan genau die Lösung findet, nach der man wochenlang gesucht hat und sich uneigennützig mitfreut, wenn alles ein gutes Ende findet. Dieser eine Mensch, der mit schlafwandlerischer Sicherheit genau das Werkzeug griffbereit hat, das einem gerade für den Aufbau eines widerspenstigen IKEA-Regals fehlt oder der nicht nur jederzeit mit der fehlenden Backzutat für den dringend benötigen Geburtstagskuchen aushelfen kann, sondern auch noch völlig selbstlos anbietet, den Kuchen zu backen und zur gewünschten Zeit vorbeizubringen. Das sind die Menschen, die in Vereinen, Schulen, Kindergärten oder sonstigen Gremien in der Regel die Ämter übernehmen, die sonst niemand haben will und die regelmäßig im Dauereinsatz sind, um kurzfristige Lücken bei der Begleitung von Schulausflügen zu füllen, Fahrdienste für viele Kinder zu übernehmen, die selbst im weitesten Sinne nicht die eigenen sind oder die nicht zögern, den Haushalt einer lieben Freundin sowie alle dazugehörigen Haustiere zu versorgen, deren komplette Familie gerade von einer akuter Magen- und Darmgrippe heimgesucht wurde.

Sie erledigen diese kleinen und größeren Projekte, die sie sich zusätzlich aufhalsen, mit einer beneidenswerten Leichtigkeit und organisieren nebenbei scheinbar noch völlig pragmatisch den eigenen Haushalt, die Familie und den Job. Für Außenstehende drängt sich manchmal der Verdacht auf, dass diesen Menschen deutlich mehr als nur 24 Stunden am Tag zur Verfügung stehen oder es sich um die ersten menschlichen Klons handelt, die nach einer langen, geheimen Versuchsreihe jetzt auf die Menschheit losgelassen werden. Aber letztlich verschwendet daran niemand allzu viele Gedanken, denn in erster Linie ist die Existenz solcher Menschen für das jeweilige Umfeld sehr bequem, praktisch und erleichtert das eigene Leben ungemein.

Aber was passiert, wenn genau diese Menschen plötzlich nicht mehr funktionieren? Wenn auch sie mal an ihre Grenzen kommen, von eigenen Problemen überrollt werden oder es letztlich nicht mehr als ihr erklärtes Lebensziel betrachten, die Akkus ihrer Mitmenschen aufzuladen? In diesem Fall ist ein Prozess zu beobachten, der sich grob in drei Phasen unterteilen lässt.

Phase 1 ist akute Irritation. Das ist ungefähr so, als würden Sie bei der Telefonseelsorge anrufen und bekämen die Ansage zu hören „Der gewünschte Gesprächsteilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar“. Völlig unmöglich, dass da plötzlich jemand einfach so den Dienst quittiert und nicht mehr zur Verfügung steht, vielleicht gar eine Schwäche offenbart oder selbst einmal leise anklopfend um Unterstützung bittet. Wie geht denn so was?

Phase 2 besteht in klassischer Ignoranz des oben Beschriebenen. Was nicht gefällt, wird ausgeblendet. Das bereits mehr oder weniger schwer irritierte Umfeld steht dieser veränderten Situation ratlos bis beleidigt gegenüber, bringt in Gesprächen bestenfalls ein paar mitfühlende Laute wie „Oh“, „Oje“ oder „Hmpf“ zustande, um dann in gewohnter Weise zu den eigenen, überaus dringenden Problemen überzuleiten und diese angemessen in den Vordergrund zu rücken. Gerade „Hmpf“ ist übrigens genauso aussagekräftig und universell einsetzbar wie „Dings“. Während Sie mit „Dings“ nahezu jeden, fast unmöglich zu beschreibenden Sachverhalt zumindest grob skizzieren können, kann sich hinter „Hmpf“ eine emotionale Bandbreite verbergen, die jeden Psychoanalytiker zu wahrer Höchstform auflaufen lassen würde. „Hmpf“ geschrieben in einem Chat mit Ausrufezeichen, unterstreicht übrigens noch einmal eindrucksvoll die Tiefe der jeweils gerade vorherrschenden Emotion.

Phase 3 nennt sich „Rückzug des sozialen Umfeldes“ und setzt meistens dann ein, wenn sich die Ursachen der Irritation (Phase 1) nicht mehr ausreichend oder nur noch mit sehr viel Mühe ignorieren lassen (Phase 2). Schließlich ist es unzumutbar, dass der funktionsgestörte Allrounder zeitlich unbegrenzt eigene Probleme generiert, mit denen sich das Umfeld dann auch noch konfrontiert sieht. Dieses ist durch die veränderte Situation ohnehin schon schwer belastet und kann sich nun wirklich nicht auch noch „darum“ kümmern.

Das ist bitter, zumal sich der aufopfernde Zeitgenosse meist nicht nur völlig selbstlos für sein Umfeld stark gemacht hat, sondern weil es ihm natürlich auch ein gutes Gefühl gibt, gebraucht zu werden, denn genau hinter einer solchen Power-Fassade sitzt oft genug ein Häufchen Elend, das müde und erschöpft mit der weißen Fahne winkt; unauffällig und zaghaft natürlich, um bloß nicht zu stören. Gebraucht werden Menschen mit diesem Hang zur Selbstaufopferung tatsächlich, nur größtenteils aus den falschen Gründen und auch nur solange, wie sie in gewohnter Weise funktionieren. Wird der flächendeckende Service emotionaler, logistischer oder organisatorischer Art eingestellt, steht der Deserteur ähnlich alleine da, wie der Hauptdarsteller in dem Werbespot eines bekannten Baumarktes und ruft: „Hallo? Ist hier jemand?“

Manchmal kann das Ende von Phase 3 aber auch für die ein oder andere Überraschung sorgen, denn es gibt durchaus Menschen, die nicht konsterniert durch die Hintertür verschwinden. Nämlich diejenigen, die verstehen, dass Freundschaft ein Geben und Nehmen ist und die begreifen, dass jemand, der lange Zeit viel gegeben hat, auch wieder Kraft sammeln muss, damit sich die eigenen Akkus aufladen können. Diejenigen, die nicht davor zurückschrecken nach einer Hand zu greifen, wenn sie spüren, dass Halt nötig ist und damit ohne viel Aufhebens symbolisieren: Wir schaffen das zusammen!

 

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