Sieben Kräuter und zwei Krönchen

Als Frau ist man ohne Frage multitasking. Das hat fast ausnahmslos Vorteile für das persönliche Umfeld, allerdings kommt es vor, dass wir zeitweise mehr als eine Persönlichkeit in uns beherbergen müssen, um den ganzen Anforderungen gerecht zu werden. Das klingt schwierig, ist es aber nicht. Da wir uns in der Regel sehr gerne und ausführlich unterhalten, kommen uns diese zahlreichen „Ichs“ definitiv zugute, denn somit ist rund um die Uhr ein kompetenter Gesprächspartner verfügbar.

Neben all meinen zahlreichen Persönlichkeiten, wie z. B. dem Autoren-Ich, dem Ehefrau-und-Mutter-Ich oder dem verschlafenen Ich, das in den frühen Morgenstunden extrem dominant sein kann, ist vor einigen Monaten ein weiteres Ich dazugekommen, das in enger Verbindung mit dem Prinzessinnen-Gen steht. Das trägt ja jede Frau bekanntlich von Geburt an in sich und ich darf das nun in vollen Zügen ausleben.

Seit Ostern diesen Jahres trage ich nämlich den Titel der 1. Oberräder „Frankfurter Grüne Soße“ Königin Susanne I. und damit die Nachfolge gesichert ist, steht mir die kleine „Kerbelprinzessin Julia I.“ zur Seite. Wenn Sie schon mit Besorgnis auf die Erwähnung meiner zahlreichen Persönlichkeiten reagiert haben, dann kann ich Ihnen nur sagen: das Kerbelchen schlägt mich um Längen! Zeitweise könnte man sogar meinen, die dunkelgrüne Seite der Macht hätte von ihr Besitz ergriffen.

Natürlich stellt sich für viele Leute die Frage, warum braucht die Grüne Soße, die man gut und gerne als DAS Frankfurter Nationalgericht bezeichnen kann, ein Krönchen – bzw. gleich zwei? Mal anders herum gefragt: Warum denn nicht?

Es gibt Repräsentantinnen und Repräsentanten für Burgen, Quellen und Brunnen, für Wein, Apfelwein, Gemüse, Obst und Blumen. Viele dieser Ämter blicken auf eine lange Tradition zurück, andere sind noch recht frisch. Aber sie haben eines gemeinsam: Sie lenken nämlich die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache und das fast ausnahmslos positiv.

Wenn diese Hoheiten mit ihrem Gefolge zusammenkommen, bleibt einem schon mal der Mund offen stehen, denn der Anblick ist großartig. William, Kate, Harry, Meghan sowie der ganze europäische Hochadel haben ernstzunehmende Konkurrenz und abgesehen davon sieht man den Hoheiten auf Zeit an, dass sie bei der Ausübung ihres Amtes vor allem eines haben: Unglaublich viel Spaß!

Die Frankfurter Grie Soß ist ein echter Allrounder

Aber zurück zur Frankfurter Grünen Soße. Dieses Gericht ist ein wahrer Allrounder, eine wahre Vitaminbombe und lässt sich nahezu mit allem kombinieren. Wer es klassisch mag, isst sie zu Kartoffeln und hartgekochten Eiern, auch zu Tafelspitz wird sie oft angeboten. Sie schmeckt zu Spargel, Fisch, Hühnchen, Steak, Schnitzel, Pfannkuchen, ja, sogar zu Handkäs’ und wenn ich mal wirklich gar nichts zu Hause haben sollte, was sich mit der Grie Soß kombinieren lässt, dann esse ich sie eben pur.

Die Heimat der sieben Kräuter, die man für die Frankfurter Grüne Soße braucht, liegt ganz klar in dem Frankfurter Stadtteil Oberrad, mit seinen leider nur noch in sehr reduzierter Anzahl vorhandenen Gärtnereibetrieben. Eine dieser Gärtnereien darf sich sogar mit dem Gütesiegel „gga.“ schmücken, das bedeutet, dass dort alle sieben Kräuter gesät, geerntet und abgepackt werden.

Dass es in Oberrad natürlich auch die besten Kräuter für die Frankfurter Grüne Soße gibt, steht für mich außer Frage. Jedem, der seine Kräuterpäckchen mit Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpernelle, Schnittlauch und Sauerampfer im Supermarkt kauft, kann ich nur empfehlen, sich mal eine Kräuterrolle bei den Oberräder Gärtnern auf dem Wochenmarkt oder direkt vor Ort zu kaufen. Danach nehmen Sie selbst den derzeit sehr chaotischen Weg über den umbaugeplagten Kaiserlei-Kreisel in Kauf, um sich die Kräuter frisch zu besorgen. Allerdings muss ich Sie vorwarnen: Es ist eine wahre Explosion für die Sinne, wenn die Kräuter kleingehackt werden und es riecht fast so gut, wie die Frankfurter Grüne Soße hinterher schmeckt. Sollten sich also während der Zubereitung überraschend mehrere Familienmitglieder in Ihrer Küche einfinden, die schnüffelnd Witterung aufgenommen haben, ist das kein Grund zur Besorgnis, sondern eine völlig normale Reaktion.

Der Anbau der Kräuter ist, wie Vieles im Bereich der Landwirtschaft, mit Aufwand und Mühe verbunden. Die Ernte ist in jedem Jahr wetterabhängig und gesetzliche Regelungen sowie das Gerangel um Zuständigkeiten erschweren den Betrieben teilweise ein wirtschaftliches Arbeiten. Nicht selten kommen die Landwirte und Gärtner aufgrund von Ernteeinbrüchen oder anderer unerwarteter Ereignisse an ihre finanziellen Grenzen und ihre Anzahl innerhalb des Frankfurter Stadtgebiets hat sich in den letzten Jahren drastisch reduziert. Dabei prägen gerade sie die ländlichen Stadtteile und stehen für eine jahrhundertalte Tradition.

Was hat das nun alles mit mir zu tun? Aus all den genannten Gründen kam im vergangenen Jahr ein Gastronom aus Oberrad auf die Idee, dem idealerweise noch ein Restaurant namens „Grüne Soße und Mehr“ gehört, die Frankfurter Grüne Soße und ihr unmittelbares Umfeld könnten eine Repräsentantin gebrauchen, die den Fokus verstärkt auf all diese Fakten lenkt und darüber hinaus dieses köstliche Gericht in die Welt hinaus trägt – in der es übrigens über 7 Mrd. Menschen gibt, die die Frankfurter Grüne Soße nicht kennen. Erschütternd! Dramatisch! Kaum zu glauben!

Dass die Wahl auf mich fiel und ich dieses Amt nun für zwei Jahre ausüben darf, freut mich sehr. Erstens, weil es kaum etwas gibt, das ich in solchen Mengen und so gerne esse wie die Frankfurter Grüne Soße und ich absolut glaubhaft vermitteln kann, dass sie mir schmeckt. Gelobt sei Oberrad, dass hier nicht der Pfälzer Saumagen oder Kutteln süß-sauer zu Hause sind, damit hätte ich mir deutlich schwerer getan. Zweitens habe ich als gebürtige Frankfurterin in Oberrad ein zweites Zuhause gefunden, auch wenn ich vor gut zwanzig Jahren mit meiner Familie nach Bad Vilbel „ausgewandert“ bin. Drittens – und es gibt Dinge, die kann man nicht erklären, die fühlen sich eben einfach so an – schlägt mein Herz für die Oberräder Gärtner. Vielleicht, weil ich in vierter Generation aus einer typischen Kleingärtnerfamilie stamme und im Kleinen erlebt habe, wie viel Arbeit Anbau, Ernte und Verarbeitung auf 500 Quadratmetern machen können. Was das in der Größenordnung eines Gärtnereibetriebes bedeutet, kann man sich vorstellen und das verdient großen Respekt.

Dieser Berufsstand hat eine lange Tradition und ich bin ein Mensch, der an Vertrautem und Traditionen hängt. Ja, Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet ist eine Wirtschaftsregion und natürlich geht das mit Wachstum und Fortschritt einher – und das ist auch gut so. Aber idealerweise kann das Traditionelle mit dem modernen Fortschritt verbunden werden und in diesem Fall eine Brücke zu bauen, sehe ich als Teil meiner Aufgabe an.

 

So ein Krönchen ist nicht ohne…

Natürlich gibt es noch einen weiteren Grund und ich würde lügen, wenn ich sage, dass der keine Rolle spielt. Es ist ein absolut wundervolles Gefühl, ein Krönchen tragen und in einer traumhaften Robe (selbstverständlich grün, etwas dunkler als der Borretsch) repräsentieren zu dürfen. Wenn ich nach einer chaotischen Woche zwischen Hundekotbeuteln, Hausaufgaben, Wäschebergen, streitenden Kindern und bockigen Protagonisten als Oberräder „Frankfurter Grüne Soße“ Königin Susanne I. eine Veranstaltung besuchen darf, dann tanzt das royale Ich vor Freude Samba. Der Rest macht es sich mit einem Rotwein auf dem Sofa gemütlich und hat Pause.

Das Amt ist zwar noch neu, aber die Voraussetzungen für eine unvergessliche Amtszeit stehen günstig. Den Prinzen habe ich schon gefunden, die Kerbelprinzessin ist deutlich weniger bockig, wenn das Krönchen auf dem Dickköpfchen blitzt und wenn der Hund jetzt noch lernt, dass es absolut indiskutabel ist, einer Königin auf den Rocksaum zu sabbern, dann ist alles paletti und ich kann mich meiner originären Aufgabe widmen: Gemeinsam mit den sieben Kräutern die Welt zu erobern!

 

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