Du hast doch alles so gewollt …

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Es gibt Dinge, die braucht niemand. Eine Grippe bei hochsommerlichen 40 Grad im Schatten, Buchsbaumzünsler, fettarme Kartoffelchips und Bemerkungen von freundlichen Mitmenschen, die vor Schadenfreude nur so triefen. Des Öfteren stolpere ich über einen Satz, der meinen Puls ähnlich schnell in die Höhe treibt, wie die altersbedingten Schrullen meiner beiden Pubertiere – nämlich der auf den ersten Blick freundlich platzierte Hinweis: „Du hast es doch so gewollt!“. Den erhält man gerne in Situationen, die ganz und gar nicht so laufen, wie man es gewollt hat – noch dazu ist er wenig hilfreich und so überflüssig wie oben erwähnter Buchsbaumzünsler. Natürlich ist mir bewusst, dass diese Aussage überwiegend von besonders weitsichtigen und intelligenten Menschen getroffen wird, die quasi schon im Vorfeld absehen können, dass ein Plan in die Hose geht und nicht ausreichend durchdacht war – das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich diese Bemerkung durch und durch Kacke finde!

Wollen und wünschen darf man sich alles – auch mal jemanden auf den Mond

Mal ganz ehrlich: wir haben vieles in unserem Leben gewollt und das Wollen und Wünschen hört hoffentlich auch im hohen Alter nicht auf, denn was wäre das Leben ohne Träume? Vor 26 Jahren habe ich meinen Mann gewollt und will ihn zu 97 % heute immer noch – die restlichen 3 % würden ihn ab und zu mal gerne auf den Mond schießen; umgekehrt er mich sicher auch!

Ich wollte auch unsere drei Kinder, die ich abgöttisch liebe, die mir jedoch manchmal den letzten Nerv rauben, mich teilweise so fordern und überfordern, dass ich mich mit Auswanderungsgedanken trage (der Mond wäre in diesem Fall eine echte Alternative). Dass Kinder auch – und das ist eindeutig weniger komisch – mit gravierenden gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben können, weiß man, will jedoch eindeutig niemand und bringt auch Eltern von Wunschkindern an ihre persönlichen Grenzen!

Ich wollte auch unser Reihenhäuschen und den Blick ins Grüne; trotzdem genieße ich meine Ausflüge nach Frankfurt und das Großstadtflair, das so voller Leben ist und wo ich nach einem feucht-fröhlichen Abend mit meinen Freundinnen singend zum Parkhaus laufen kann, ohne dass meine Kinder davon erfahren.

Ich bin froh und dankbar, dass ich einen Job machen darf, der mir Spaß macht und der sich bestens mit meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten verbinden lässt – auch das ist so gewollt, aber phasenweise hat mein Tag zu wenige Stunden, bekomme ich nachts zu wenig Schlaf und fertige Geschichten in meinem Kopf klingen auf dem Papier nicht so, wie ich sie haben möchte.

Genauso gewollt ist unser Haustier und unsere kleine Fellnase würde ich für nichts in der Welt mehr hergeben. Die Erziehung eines Welpen fordert jedoch Kraft, Geduld und Konsequenz und da das vorhandene Reservoir dank besagter Pubertiere schon ziemlich aufgebraucht ist, strengt es trotz aller Liebe an! Gelegentlich sitze ich dann mit einer gewissen Resignation auf dem Boden, die Klapperdose in der einen und die Leckerlis in der anderen Hand und bin geneigt zu sagen: „Dann friss’ doch die verdammten Schuhe, friss sie alle, auch die mit der roten Sohle!“

Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel …

Wüssten wir im Vorfeld, wie anstrengend und unbequem so mancher Weg wird, für den wir uns im guten Glauben entschieden haben, wären wir ihn vielleicht nicht gegangen. Gewisse Schwierigkeiten wären damit sicherlich vermeidbar gewesen, aber gleichzeitig hätten wir auch auf viele neue und wunderbare Erfahrungen verzichten müssen. Wenn man bei jeder Entscheidung gleich das Worst-Case-Szenario vor Augen hätte, würde man so manches neue Abenteuer einfach an sich vorbeiziehen lassen. Nichtsdestotrotz lassen die Kräfte selbst im größten Freudentaumel manchmal nach, unvorhergesehene Ereignisse werfen die schönsten Pläne über den Haufen und manchmal geht die Rechnung, die man in bester Absicht gemacht hat, einfach nicht auf.

„Du hast es doch so gewollt“ ist in diesem Fall weder hilfreich noch symbolisiert es das, was man in so einem Moment dringend bräuchte: Menschlichkeit und Mitgefühl! Eine Schulter zum Anlehnen, eine Umarmung oder einfach ein paar tröstende und ermunternde Worte. Einen Freund oder eine Freundin, die zum Durchhalten motiviert und auf die schönen Dinge hinweist, die man in diesen Momenten nicht sehen kann. Die Befriedigung, die in Aussagen steckt wie „Du hast es doch so gewollt“, „Das hätte ich dir vorher sagen können“ oder „Warum soll es dir besser gehen als mir?“ ist nicht zu überhören –  in guten Augenblicken kann ich das weglächeln, in schlechten … naja, der Mond, Sie wissen schon!

Mag sein, dass man im Leben deutlich weniger auf die Nase fällt, wenn man sich immer innerhalb der eigenen, eng gesteckten Grenzen bewegt und sich so auch eine Menge Beulen und blaue Flecken erspart, aber man versäumt auch unzählige Überraschungsmomente, die das Leben so einzigartig macht! 🙂

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