Neues Jahr, neues Glück – oder warum aus einem Pinguin keine Giraffe wird …

Wir befinden uns noch ganz frisch in der ersten Woche des neuen Jahres und womit lässt es sich besser starten als mit einer ausgiebigen Erkältung – abgesehen von einer euphorisch langen Liste mit guten Vorsätzen? Da liegt das neue Jahr so jungfräulich vor uns wie ein unbeschriebenes Blatt und es herrscht noch das Hochgefühl, dass in diesem Jahr alles anders wird. Einfach alles! Anders eben! Und vor allem besser!

Ich z. B. werde mich hochmotiviert zum sportlichen Allrounder entwickeln, mit Leichtigkeit und ohne Heißhungerattacken mal eben nebenbei zehn Kilo abnehmen und Situationen und Menschen meiden, die mir nicht guttun! Ich werde mein Zeitmanagement so optimieren, dass mehr Zeit für meine Familie, meine Freunde und natürlich für mich bleibt – sonst wäre meine neu entdeckte Sportlichkeit ja nicht umzusetzen. Nebenbei schreibe ich das nächste Buch, wuppe noch das ein oder andere Ehrenamt und entrümple endlich mal den Keller, der aus allen Nähten platzt. Darüber hinaus werde ich keinen Elternabend mehr vergessen, Bastelnachmittage mit meiner jüngsten Tochter einplanen und den Garten im Frühjahr endlich mal wieder in Schuss bringen; das alles ist ja dann mit dem optimierten Zeitmanagement kein Problem mehr.

Während diese hochmotivierten Pläne vor meinem inneren Augen vorbeiziehen, beschließt mein Körper offensichtlich, dass er meine doch so optimierte Lebensplanung nicht ganz so optimal findet und legt mich erst einmal mit einer ordentlichen Erkältung lahm. Wohlgemerkt, zwei Tage, nachdem ich mich mit Feuereifer in eine ausgiebige Laufrunde bei Minusgraden gestürzt habe, die mir jetzt zwar noch keinen nennenswerten Gewichtsverlust, dafür aber mehr Zeit für mich verschafft hat – wenn auch mit Brummschädel und laufender Nase.

Während ich also nur so daliegen kann und Gelegenheit habe, mal ganz ehrlich zu mir selbst zu sein, muss ich zugeben, dass mich die Liste mit meinen guten Vorsätzen in erster Linie eines macht: müde! Genauso müde wie die mehrfarbig ausgedruckten und mit grinsenden Gute-Laune-Smileys versehenen Listen aus den Jahren davor. Wenn ich mir dieses Sammelsurium so durchlese, wäre ich vieles davon wirklich gerne. Ich wäre gerne supersportlich, würde alles dafür geben, wenn ich mit Leichtigkeit mein Gewicht halten und ohne bahnbrechende Verzweiflung auf Nudeln und Schokolade verzichten könnte und würde meine Familie gerne zeitlich so straff organisieren, dass unser Alltag wie am Schnürchen und ohne große Aufregung funktioniert. Leider geht das jedoch ganz knapp an der Realität vorbei und um es mal mit den Worten des wunderbaren Dr. Eckart von Hirschhausen auszudrücken: Das ist so, als ob sich ein Pinguin wünschen würde, eine Giraffe zu sein, weil es toll ist, einen so langen Hals zu haben.

Aber dieser kluge Mann hat auch noch etwas anderes gesagt, nämlich dass es gar nicht so sehr darauf ankommt, was man ist, sondern ob die Umgebung zu einem passt. Als Pinguin wird man in der Savanne keinen Stich machen und dann ist es klar, dass es nicht läuft – sprich: Es kommt darauf an, ob man in seinem Element ist. Während der kleine, dicke Pinguin an Land ziemlich unbeholfen und plump aussieht, ist er im Wasser ein wahrer Meister seines Könnens und man denkt nur: Wow! So, wie eben jeder von uns wirkt, wenn wir das tun, was wir lieben und was zu uns passt. Dann ist man wie der Pinguin in seinem Element, fühlt sich unbeschreiblich gut und denkt nur noch: Wow! Bitte mehr davon! Das strahlt man dann auch entsprechend aus, so dass die Giraffen am Beckenrand vielleicht sogar für einen Moment darüber nachdenken, wie toll es doch sein muss, ein Pinguin zu sein.

Und ich schätze, genau darum hat mich mein Körper – panisch vor Entsetzen – radikal lahmgelegt. Mein Pinguin ist einfach kein Langstreckenläufer, hat auch keine Wespentaille und will sich auch nicht von Proteinshakes ernähren. Er ist mitunter etwas schusselig, erledigt viele Dinge auf den letzten Drücker, weil er dann die tollsten kreativen Ideen hat und er liebt nichts mehr als das Schreiben. Gelegentlich pausiert er auch mal mit einem guten Buch auf der Couch oder im Sommer auf der Terrasse. Schwer fällt es ihm, mal ganz deutlich „Nein“ zu anderen und „Ja“ zu sich selbst sagen, weil er oft denkt, man fände ihn vermutlich cooler, wenn er eine Giraffe wäre, weil die doch so einen schönen langen Hals . . . Sie verstehen, was ich meine!

Vielleicht sollte ich die Zeit, die ich jetzt gezwungenermaßen auf der Couch verbringen muss, dazu nutzen, um mich mit meinen Pinguin anzufreunden und ihm Entwarnung zu signalisieren. Vielleicht sollte ich ihm mal die Führung überlassen und meine tolle Liste der nächstbesten Giraffe vor die Füße werfen – das dürfte die ja nicht stören und ich hätte gleichzeitig ein bisschen entrümpelt. Und eigentlich braucht es dann auch nur noch einen einzigen Vorsatz für das neue Jahr, den Herr Dr. von Hirschhausen abschließend so treffend formuliert hat: Immer dann, wenn ich glaube, mein Leben wäre so viel aufregender und besser als Giraffe, mache ich ein paar Schritte bis zu meinem Wasser hin, springe hinein und fange an zu schwimmen . . .

 

2 Kommentare zu “Neues Jahr, neues Glück – oder warum aus einem Pinguin keine Giraffe wird …

  1. Sehr schöne Gedanken! Ich kann nur zustimmen. Nimm die Liste und werfe sie der Giraffe vor die Füße! Genau deshalb habe ich schon vor Jahren mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr aufgehört! Ich verzichte auf Schoki wenn ich genug Energie dazu habe, ansonsten genieße ich sie. Ich mache Sport um fit zu bleiben und nicht zum abnehmen (klappt eh nicht). Wenn mich Unordnung stört fange ich einfach an aufzuräumen (auch schon nachts). Geniesse einfach dein Leben, es ist viel zu kurz um sich auch noch Gedanken um Gute Vorsätze Listen zu machen!

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