Goodbye „Hansemann“

Es gibt eindeutig Dinge, die süchtig machen können und da stehen Kaffee, Schokolade oder Schnittlauch-Pfannkuchen mit Grüner Soße ganz oben auf meiner Liste. Während einer intensiven Schreibphase erweitert sich der Kreis auch gerne um Lachgummis oder saure Apfelringe. Da sich das Manuskript meines zweiten Buches gerade in der Endphase befindet, sieht man mich schon mal zu nachtschlafender Zeit zur Tankstelle pilgern, wenn die Nervennahrung im entscheidenden Moment zur Neige geht.

In sich gefestigte Menschen würden sich den Vorrat entsprechend einteilen. Das sind Leute, die sich immer in der Gewalt haben, von einer Tafel Schokolade auch nur einen einzigen Riegel abbrechen können und die „übrig gebliebene Schokolade“ mit Vorfreude auf den nächsten Tag wieder in den Schrank legen. Ein Wesenszug, der mir völlig fremd ist.

Neben meinem leider häufig unkontrollierten Umgang mit oben genanntem Naschwerk, muss ich auch gestehen, dass ich ein echter Serien-Junkie bin. Die Ursache liegt vermutlich in meiner frühsten Kindheit begraben, in der es anfangs nur drei, später fünf Programme gab, der Besitz eines Videorekorders den eigenen Beliebtheitsgrad im Freundeskreis drastisch erhöhte und in der ich meine komplette Wochenplanung danach ausrichtete, wann endlich „die Biene aus dem unbekannten Land“ über den Fernsehbildschirm flitzte, begleitet von ihren Freunden, dem hyperaktiven Grashüpfer Flip und dem dicken Willi, quasi der Dirk-Bach unter den Insekten.

Aber all die Serien wie „Biene Maja“, „Heidi“, „Sindbad“, „Nils Holgerson“ oder später „Bonanza“, „Die Waltons“, „Ein Colt für alle Fälle“, „Ein Trio mit vier Fäusten“, „Das A-Team“, „Der Denver-Clan“, „Dallas“, „Melrose Place“, „Beverly Hills 90210“, „Ally McBeal“, „Eine himmlische Familie“, „Emergency Room“, „SATC“, „Desperate Housewives“, „Greys Anatomy“ oder „Private Practise“ werden von einer Serie überlagert, die in Deutschland schon lange Kultstatus erreicht hat… Ich sage nur: der „Hansemann“ und seine „Taube“! Sie haben es vermutlich sofort erkannt, ich spreche von der „Lindenstraße“!

Die „Lindenstraße“ ist längst Kult

Neben einigen anderen, langjährigen Darstellerinnen und Darstellern kann man die Familie Beimer als das Herz dieser Serie bezeichnen. Die Beimer-Geschwister Benny, Marion und Klausi habe ich quasi als meine eigenen betrachtet, jahrelang mit Mutter Beimer zu jeder Tages- und Nachtzeit Spiegeleier gebraten und ich habe mit ihr gelitten, als Hans mit der feschen Nachbarin Anna durchgebrannt ist – ein Schritt übrigens, den ich ihm lange Zeit nicht verzeihen konnte. Konsequent strafte ich ihn mit Nichtachtung, sobald er auf dem Fernsehbildschirm erschien und sah zur Seite.

Die Beimers waren eine typisch deutsche und herrlich konservative Familie, gleichzeitig aber so manches Mal überraschend unkonventionell und weltoffen. Ihre Welt war bei Weitem nicht immer heil und das ein oder andere Familienmitglied konnte durchaus eine gewisse kriminelle Energie entwickeln – allerdings meistens aus einer akuten Notlage heraus, was ihnen genau aus diesem Grunde niemand übel nahm. Selbst als Hans Beimer eine Cannabis-Plantage auf dem Dachboden errichtete, um damit auf Anraten seines früheren Hausarztes Carsten Flöter die Beschwerden seiner Parkinson-Erkrankung zu lindern, erscheint das absolut logisch und nachvollziehbar. Völlig undenkbar, so etwas in die nächste Staffel von „Bauer sucht Frau“ einzubauen, damit sich der ein oder andere Landwirt von der Konkurrenz absetzen kann. Die Beimers ernten dafür maximal ein leichtes Stirnrunzeln.

Der Beimer-/Ziegler-Clan wurde zur bekanntesten Patchwork-Familie ihrer Zeit, aber die hartgesottenen Fans haben dem Hansemann nur schwer verziehen, dass er sich Hals über Kopf in die schöne Anna verliebte und seine arme „Taube“ in ihrem Verschlag sitzen ließ. Wildfremde Menschen haben ihn auf offener Straße beschimpft, ihm Adressen von Paartherapeuten zugesteckt oder ihm ans Herz gelegt, um des Friedens der Nation Willen wieder zu seiner Helga zurückzukehren.

Meine eigene Familienplanung brachte es mit sich, dass ich unsere sonntäglichen Verabredungen in den letzten Jahren nicht mehr ganz so regelmäßig einhalten konnte, aber trotzdem sind die Beimers fast so etwas wie alte Freunde für mich. Wir haben zusammen gelitten, geliebt, gelacht, geweint, Weihnachten, Silvester und Geburtstage gemeinsam gefeiert, Enkelkinder bekommen und Teenieschwarm Benny Beimer nach einem tragischen Busunglück beerdigt.

Der „Hansemann“ trifft auf den „Sensenmann“

Nun wird in diesem Jahr ein weiterer großer Verlust diese beliebte Serienfamilie erschüttern, denn „Hansemann“ verlässt die „Lindenstraße“, im September, wie der WDR bekanntgab. Ich bin ähnlich betroffen wie vor einigen Wochen, als die Chef-Stewardess Beatrice von Bord des „Traumschiffs“ ging. In diesem Zusammenhang hätte ich mir übrigens einen ganz anderen Abschluss für die treuen Fans vorstellen können: Beatrice begrüßt Hans und Helga Beimer auf dem „Traumschiff“, geht mit einem Lächeln von Bord und der „Hansmann“ fährt mit seiner „Taube“ in inniger Umarmung in den Sonnenuntergang. Gut, es wäre weder glaubwürdig noch realistisch gewesen, aber schööön!

Stattdessen stirbt der „Hansemann“ den Serientod – wie, das bleibt das Geheimnis des WDR. Auch wenn das nach über 30 Jahren vielleicht logisch erscheint, gefällt es mir nicht. Das ist fast wie ein Todesfall in der eigenen Familie und das auch noch mit Ankündigung. Wie soll man sich denn da unbefangen auf die nächsten Folgen konzentrieren?

Aber wie im wirklichen Leben wird man in solchen Momenten nicht gefragt und muss das Drehbuch nehmen, wie es kommt. Also bleibt mir nur „danke“ zu sagen, lieber Hans Beimer, für die vielen Jahre, die du sonntags in unserem Wohnzimmer vorbeigeschaut hast. Unter uns gesagt, die Anna habe ich dir natürlich schon längst verziehen. Komm gut an in deinem neuen Leben, sozusagen auf der anderen Seite und vielleicht schicke ich dir ja bei Gelegenheit eine „Taube“ mit meinen besten Wünschen hinterher.  🙂

 

 

 

 

 

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