Ein hoch begabter Außenseiter und ein gebrochenes Herz

   

Wenn man mit einem Thriller-Autoren unterwegs ist, dann kann selbst die Ausstellung des österreichischen Expressionisten Richard Gerstl zu einem etwas differenzierten Erlebnis werden. Während mich die heimliche Liebesaffäre des Künstlers mit Mathilde Schönberg in ihren Bann zog, die für ihn sogar kurzzeitig ihren Mann und ihre beiden Kinder verließ, war Uwe Alexi ( https://uwealexi.de/2017/05/10/zwei-autoren-in-der-schirn/  ) mehr vom dem tragischen Selbstmord des Malers gefesselt, der sich erhängte und erstach – und glauben Sie mir, wir haben wirklich eine ganze Weile über die mögliche Reihenfolge diskutiert!

Es wäre vermessen zu behaupten, ich würde mich in der Kunstszene auskennen; in erster Linie lasse ich Dinge gerne auf mich wirken und schaue, welche Eindrücke ich aus einer Ausstellung mitnehme. Die Gemälde von Richard Gerstl in der Schirn haben heute Vormittag ihre ganz eigene Geschichte erzählt.

   

Richard Gerstl wurde nur 25 Jahre alt, bevor er sich das Leben nahm und er beschritt mit seiner Kunst eindeutig neue Wege. Er malte direkt, realistisch und unkonventionell und stieß nicht selten seine Lehrer oder auch die Auftraggeber mit seinen Arbeiten vor den Kopf. In den vielen unterschiedlichen Selbstportraits, die Richard Gerstl von sich zeichnete, spiegeln sich auch seine mitunter sehr egozentrische Persönlichkeit und die unterschiedlichen Phasen seines Lebens wider. Er schlüpfte für seine Selbstportraits gerne in verschiedene Rollen, probierte sich in vielfältigen Techniken aus und hielt darin zum Ende seines Lebens schonungslos die Verzweiflung über seine Einsamkeit und Isolation fest.

Als Richard Gerstl den Komponisten Arnold Schönberg und dessen Frau Mathilde kennenlernte, entwickelte sich aus der freundschaftlichen Beziehung zu der verheirateten Frau bald eine heimliche Liebesaffäre. Seine Verzweiflung über diese bedrückende Mischung aus Liebe und Verrat verarbeitete er auch in seinen Bildern. Gerstl bewunderte und verehrte Arnold Schönberg als Mentor, Freund und Komponisten und war hin- und hergerissen zwischen seinen Gefühlen für Mathilde und der Tragik ihrer heimlichen Beziehung.

Als Mathilde ihre Familie für ihren Liebhaber verlies, offenbarte sich für Arnold Schönberg das ganze Ausmaß dieser Beziehung; allerdings kehrte die Ehefrau einige Tage später schon wieder reumütig zurück. Richard Gerstl war jedoch damit gesellschaftlich im Abseits und mit seinem Schlag isoliert von dem Künstler-Kreis um Schönberg.

Kurz vor seinem Selbstmord malte Richard Gerstl sein letztes Gemälde Sitzender weiblicher Akt, der wohl Mathilde darstellen soll. Es ist auffällig, dass Gerstls Portraits von Mathilde Schönberg überwiegend kühl und distanziert wirken, undeutlich und nicht greifbar und ich kam nicht umhin mich zu fragen, warum der Künstler die Frau, die er so sehr liebte, oft so unvorteilhaft in Szene setzte (ganz im Gegenteil zu dem Idealbildnis von Trude Geiringer beispielsweise).

Ich denke, diese Frage beantworten die Gemälde selbst – zumindest für mich. Nicht nur Richard Gerstl war vermutlich gefangen zwischen Liebe, Verrat und gesellschaftlichem Anstand, sondern auch Mathilde Schönberg war hin- und hergerissen zwischen der Leidenschaft, die sie für ihren Liebhaber empfand sowie der Verbundenheit und den Verpflichtungen gegenüber ihrer Familie. Diese Zerrissenheit Mathildes wird auch Richard Gerstl gespürt haben und dadurch war seine Geliebte für ihn vermutlich weniger greifbar, weniger real und gehörte ihm nie ganz. Er trug das Leben mit ihr als verschwommenes Traumbild im Herzen, als sehnsüchtigen Wunsch, der sich jedoch nie erfüllt hat.

Sein letztes Selbstportrait Selbstbildnis als Akt zeigt ihn schutzlos und starr. Erbarmungslos den Blicken ausgesetzt, gibt er alles von sich preis, bevor er aus dem Leben scheidet …

Während ich nachdenklich noch immer in der Beziehung zwischen Richard Gerstl und Mathilde Schönberg gefangen bin, ist Uwe Alexi zu dem Ergebnis gekommen, dass die einzig mögliche Reihenfolge „erst erhängt, dann erstochen“ sein kann und da er in dieser Hinsicht eindeutig mehr Fachwissen besitzt als ich, zweifle ich das auch nicht an!

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