„Abgeschminkt“ von Susanne Reichert

In der Oktober-Ausgabe der „‚Die Lokale“, der Monatszeitschrift für den Frankfurter Norden, ist ein Beitrag von mir veröffentlicht.

„Abgeschminkt“ von Susanne Reichert

Leider verliert der Spruch „Man ist so alt, wie man sich fühlt“ ab einem gewissen Alter an Gültigkeit; dass dies schon ab Mitte Vierzig der Fall ist, hat mich allerdings kalt erwischt und in aller Deutlichkeit gezeigt, wie ernüchternd der Unterschied zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung sein kann.

Mit Mitte Vierzig sieht man selbst unter Einsatz einer ausgeklügelten Kombination aus Liftings, Botox und Kerzenlicht nicht mehr aus wie Zwanzig. Da solche Maßnahmen für mich schon alleine wegen meiner Spritzenphobie nicht in Frage kommen, mache ich eben aus den übrigen Möglichkeiten das Beste – die Auswahl an Cremes, Fluides und Masken ist ja glücklicherweise groß. Wenn ich so in den Spiegel schaue, finde ich das Ergebnis eigentlich auch ganz gelungen und an guten Tagen denke ich, der Alterungsprozess ist noch recht gnädig mit mir umgegangen. An sehr guten Tagen denke ich das sogar manchmal, wenn ich noch völlig ungeschminkt bin – was zugegebenermaßen eher selten vorkommt. Wie sehr man sich irren kann, merkt man erst an der Reaktion Dritter, die auf das ungestylte Ich mit spontaner Besorgnis reagieren.

Ich muss dazusagen, dass wir vor drei Monaten auf den Hund gekommen sind und zwar auf einen, der diese Bezeichnung auch verdient. Ein Border-Collie ist kein Hund, mit dem man in farblich aufeinander abgestimmten Regenmäntelchen über die Shopping-Meile flaniert und aufwendiges Styling ist für die Gassirunden eher hinderlich. Lennox möchte über die Wiese toben, im dicksten Matsch Krähen jagen und Fallobst durch die Pfützen kullern – somit stapfe ich in Regenjacke, Gummistiefeln sowie alten Jeans durch die Landschaft und das Styling ist auf einen Pferdeschwanz reduziert, denn jede Art von Make-up nimmt im Regen graffitiähnliche Züge an.

An sehr guten Tagen finde ich mich cool, an guten zumindest lässig und an schlechten Tagen denke ich, dem Hund ist es ohnehin egal, wie ich aussehe. Diese Theorie bekam schlagartig Risse, als ich nach einer herbstlich nassen Hunderunde in der Bäckerei stoppte, die Verkäuferin grüßend den Kopf hob und alarmiert fragte, was mich denn erwischt hätte – Magen- und Darm oder die Virusgrippe! Nach einem irritierten Blick über die Schulter stellte ich fest, dass sie wirklich mich meinte. Als ich betont gelassen antwortete, ich sei gar nicht krank, bemerkte sie schulterzuckend, dass viele Menschen bei Vollmond schlecht schlafen würden. Auf meine leicht angesäuerte Erwiderung, ich hätte ausgezeichnet geschlafen, schob sie mir hilfsbereit ein „Vitalbrot“ über die Tresen, das den Stoffwechsel ankurbelt, wodurch die Haut nach ein paar Wochen weniger „fahl“ wirken würde! Bin dann gegangen – ohne Brot!

Dafür habe ich im benachbarten Sportgeschäft ein Baseball-Käppi erstanden, das auf lässige Art und Weise meine fahle Gesichtshaut komplett verdeckt, auch dann, wenn ich zum Kurieren einer Virusgrippe die ganze Nacht heißen Äppler trinken würde, was idealerweise gleichzeitig den Stoffwechsel auf Tour bringt. Man muss sich nur zu helfen wissen!

(Die Lokale, Ausgabe 10/2017)

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